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Stolpersteine

Teil 1:
Müssen wir uns die Erde untertan machen?

Gott segnete die Menschen, und Gott sprach zu ihnen: „Seid fruchtbar, und vermehrt euch, bevölkert die erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.“ (Gen 1,28)

Die Ausdrücke, die wir in Gen 1 mit untertan machen, unterwerfen oder auch beherrschen übersetzen, klingen im Hebräischen noch viel schrecklicher. Eigentlich müsste man sie mit niedertreten, zerstampfen, zertreten übersetzen. Sie entstammen der babylonischen und ägyptischen Hofsprache, in der die altorientalische Königsideologie nachklingt: Könige haben ihre feindlichen Heere niedergetreten. Man darf annehmen, dass diese Ausdrücke damals schon nicht mehr wörtlich genommen wurden; sie wollten ganz einfach die mächtige Überlegenheit der Könige zum Ausdruck bringen. Das Königliche darf durchaus mitklingen, wenn es Gen 1,28 heißt: „... macht euch die Erde untertan. Herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alles Getier ... !".

Nur müssen wir wissen, dass das Alte Testament die Ausdrücke zwar beibehält, das Königtum aber in einem ganz anderen Licht sieht, nämlich im Licht Gottes, des guten Hirten, der für seine Herde sorgt, sie auf guten Auen weiden lässt, das Verlorene sucht usw. (vgl. Ez 34; Ps 23 u. a.). Im Zusammenhang von Gen 1 ist noch auf Folgendes aufmerksam zu machen: Auf all dem, was sich der Mensch untertan machen soll, auf allen Tieren, über die er herrschen soll, liegt der Segen Gottes (vgl. Gen 1,22), und auch die Menschen, denen Gott den königlichen Auftrag des Herrschens gibt, werden von ihm gesegnet (Gen 1,28). Das heißt doch, dass alles Geschaffene, Menschen und Tiere und gar alles, zur Fülle des Lebens gelangen soll, und dass der Mensch im Dienste dieses Lebens steht.

Und ein Letztes: Vom "Projekt" Gottes spricht Gen 1,26 so: "Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich! Sie sollen herrschen über die Fische im Meer..." Ganz offensichtlich sollen Menschen auch nach dem Bilde Gottes herrschen, sollen mit den Fischen des Meeres, mit dem Vieh und den wilden Tieren gottähnlich umgehen.

Wenn wir das Untertan-Machen und das Herrschen so verstehen, braucht uns um unsere Mit-Welt - und um uns - nicht bange zu sein.

Hermann-Josef Venetz, Professor für Neues Testament an der Universität Freiburg (Schweiz)

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