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Prominente zur Bibel

Otfried Sperl, Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks Bamberg

Otfried Sperl
"100 Jahre war sie alt, als sie mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland übersiedelte. Sie saß auf ihrem Bett - ein Stockbett in einem Zimmer im Aussiedlerwohnheim mit sieben Betten für die gesamte Familie. Sie saß da, klein, abgemagert, mit gekrümmtem Rücken, und sie las in einem alten, völlig zerfledderten Buch - ihrer Bibel. Sie saß da und las - von Morgen bis Abend. Hatte sie denn gar nichts anderes zu tun? Nein. Oder doch: Beten! Ihr Lesen in der Bibel und das Beten gehörten zusammen, waren eigentlich kaum voneinander zu unterscheiden. Dabei hatten sie so viel erlebt in diesen 100 Jahren: Oktoberrevolution, zwei Weltkriege, den Tod des Ehemanns und den Tod von Kindern und Enkeln, Hunger, Krankheiten, Vertreibungen, Verfolgungen. Was sie am Leben hielt, war ihr unerschütterlicher Glaube. Fast alles hatte sie verloren im Lauf ihres Lebens. Aber ihren Glauben nicht. Auch nicht ihre positive Einstellung zum Leben. Sie war da. Aber sie wusste: Dieses Leben ist nicht alles. Nach dem Tod kommt noch etwas. "Warum will er mich noch immer nicht bei sich haben, unser Herr Jesus?", fragte sie mich immer wieder einmal.

Vielleicht sollte sie auch deshalb so lange leben, weil es für mich wichtig war, sie kennen zu lernen, denke ich mir heute manchmal. Von ihr zu lernen, wie ein Mensch leben kann, obwohl er im Leben fast alles verlor. Und zu sehen, woher dieser Mensch seine Lebenskraft, sein unerschütterliches Vertrauen bezieht: Aus dem regelmäßigen Lesen in der Bibel und aus seinem unerschütterlichen Vertrauen zu Gott, zu dem er betet. Diese Frau werde ich wohl nie vergessen. Und ihre Bibel auch nicht, dieses alte, zerfledderte Buch. Übrigens: Ein paar Jahre lebte sie noch weiter. 104 Jahre wurde sie alt.

Eine "Zeugin" des Glaubens wurde sie für mich. So wie die vielen Zeugen des Glaubens, von denen ich in der Bibel lese. Der Hebräerbrief spricht gar von einer "Wolke von Zeugen" (Hebr. 12, 1). Nicht die allgemeinen Erkenntnisse über Gott und die Welt machen mir die Bibel so wertvoll, sondern dass ich in diesem Buch ganz konkret lesen kann, wie Menschen von ihrem Glauben erzählen. Ihr Beispiel steckt mich an. So wie jene alte Frau aus Kasachstan. "

Otfried Sperl