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Teil 22: Sterne

„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen“ (Mt 2,2) – mit diesen Worten der Sterndeuter, in deren Tradition bis heute die Sternsinger zu Jahresbeginn durch unsere Gemeinden ziehen, wird die Geburt Christi als kosmisches Ereignis gedeutet, durch die ein neues Zeitalter beginnt. Das Symbol des Sterns steht hier als Zeichen für das Kommen des Messias; wollte man konkrete Konjunktionen am damaligen Sternenhimmel dazu suchen, würde man „der theologischen Zielsetzung der Erzählung nicht gerecht“, wie der Eichstätter Neutestamentler Lothar Wehr zu Recht feststellt – ein Beispiel dafür, wie die Suche nach vermeintlichen Fakten in die Irre führen kann, während die symbolische Deutung das eigentlich Gemeinte offenlegt.

Sterne, von alters her Zeichen für Transzendenz und Orientierung, können in der Bibel sowohl positiv als auch negativ gesehen werden: Bei der Verheißung an Abraham (vgl. Gen 15,6) stehen sie für eine zahlreiche Nachkommenschaft, in der Erzählung vom Traum Josefs stehen die 11 Sterne (zusammen mit Josef) für die zwölf Stämme Israels, im Buch Daniel werden die Gerechten mit den Sternen verglichen („Die vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, sind wie die Sterne für immer und ewig“, Dan 12,3) und in der Offenbarung stehen sieben Sterne für den gesamten Kosmos (Offb 1,16) bzw. für die Gesamtkirche (Offb 1,20). Eigentlich aber tut sich die Bibel mit den Sternen schwer, was mit den im Orient weit verbreiteten Sternenkulten zusammenhängt, von denen man sich abgrenzen wollte. Deshalb wird schon in den ersten Zeilen der Bibel und dann immer wieder betont, dass auch die Sterne von Gott geschaffen sind (Gen 1,16; vgl. Ps 8,4; 147,4; Sir 43,9 Bar 3,34), und deshalb wird wiederholt davor gewarnt, die Gestirne als Gottheiten zu verehren (Dtn 4,19; Am 5,26; Zef 1,15; Apg 7,42 f. u. ö.).

Die Kirchenväter deuteten das Symbol des Sterns auf Christus selbst. Justin erwähnt unter Bezugnahme auf die so genannte Bileam-Weissagung in Num 24,17 („Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel“) „Stern“ als Titel Christi und bringt eine Weissagung des Propheten Jesaja damit in Zusammenhang – wie es in den Weihnachtslesungen ja bis heute geschieht: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1; vgl. dazu das Benediktus, Lk 1,78: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“). In der Offenbarung des Johannes sagt Jesus von sich: „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern“ (Offb 22,16). Im Zweiten Petrusbrief wird das Licht der Verklärung als eine Vorwegnahme des eschatologischen, letzten Morgens gedeutet, der keinen Abend mehr kennt („…denn es ist ein Licht, das an einem finsteren Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“, 2 Petr 1,19).

Es war Origenes, der erstmals die bereits erwähnte Bileam-Weissagung (Num 24,17) mit den Sterndeutern aus dem Osten in direkte Verbindung brachte und Mt 2,9 f. („Der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her, bis zu dem Ort, an dem das Kind war; dort blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt“) als Erfüllung dieser alttestamentlichen Weissagung erklärte. Ignatius von Antiochien deutete die Bekehrung der Magier – sie kehrten bekanntlich „auf einem anderen Weg“ in ihre Heimat zurück – als Überwindung des Glaubens an die Magie und die Astrologie. Hier haben wir vermutlich auch den Grund für die Aufnahme der Geschichte von den Sterndeutern in das Matthäusevangelium: Offenbar stand die frühchristliche Gemeinde in Auseinandersetzungen mit von dualistischen Lehren beeinflussten Hellenisten, die als Nikolaiten bezeichnet und mit der „Lehre Bileams“ in Verbindung gebracht wurden (vgl. Offb 2,14-16; 2 Petr 2,15).

Sterne spielen auch als Attribute von Heiligen eine Rolle. So wird Nikolaus von Tolentino mit einem Stern auf der Brust dargestellt; dieser Stern soll jahrelang an seinem Todestag an seinem Grab erschienen sein. Ebenso hat Thomas von Aquin, der „Startheologe“ des Mittelalters, einen Stern auf der Brust. Dominikus hingegen trägt einen goldenen Stern auf seiner Stirn, den schon seine Amme bei seiner Taufe erblickt haben soll. Fünf Sterne kennzeichnen Johannes von Nepomuk; sie umstrahlten seinen Leichnam bei dessen Auffindung, während sieben Sterne das Attribut Hugos von Grenoble sind, der im Traum die Ankunft des Hl. Bruno und seiner sechs Gefährten vorhergesehen haben soll, die schließlich in seinem Bistum die große Kartause gründeten. Bei der Marienverehrung wurde der „Meerstern“ zum Symbol der Gottesmutter, die Orientierung in den Stürmen des Lebens vermittelt (vgl. Gotteslob Nr. 578 u. 889). Der Kranz aus zwölf Sternen der apokalyptischen Frau, ursprünglich wohl eine Anspielung auf die zwölf Sternbilder, wurde zum Attribut der Immaculata und findet sich heute sogar auf den Euromünzen. Der Morgenstern, der Vorbote der Sonne, die schließlich die Nacht besiegen wird, wurde wie gesehen auf Christus (so auch im Exsultet der Osternacht), aber später auch auf Maria gedeutet (Lauretanische Litanei, vgl. Gotteslob Nr. 769). Ein sechszackiger Stern, der Davidsstern, ist das Symbol des Judentums bzw. des Staates Israel, während ein fünfzackiger Stern, das Pentagramm, als „Drudenfuß“ zur Abwehr von Hexen dienen sollte.

Der lateinische Kirchenvater Ambrosius von Mailand bringt das mit aller Sternensymbolik Gemeinte auf den Punkt wenn er schreibt: „Christus im Geheimnis der Menschwerdung ist selbst der Stern“ – der Stern der uns in aller Dunkelheit leuchtet und uns Orientierung gibt, viel mehr als die vielen „Stars“ oder gar „Superstars“ unserer Zeit, die bestenfalls einem Strohfeuer gleichen.

Datum: 10.09.2011
Autor: Dr. Norbert Jung