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Weihnachtsansprache von Erzbischof Ludwig Schick in der Heiligen Nacht am 24. Dezember 2008 im Bamberger Dom

Liebe Mitchristen!

1. Sicher haben Sie alle heute Abend, in den vergangenen Tagen oder werden nachher oder morgen: eine Kerze anzünden, eine Weihnachtskerze. Das ist ein guter Brauch! Er kann uns den Sinn von Weihnachten erschließen. Weihnachten bringt Licht und Wärme. Dafür steht die Kerze. In Betlehem wurde die Nacht erhellt, als Christus geboren wurde. Die Hirten sahen die lichterfüllten Engel, die Weisen aus dem Morgenland einen hellen Stern. Weihnachten ist das Fest des Lichtes.

2. Weihnachten will Licht bringen und alle Dunkelheiten dieser Welt erhellen. Wie geht das? Folgende Weihnachtsgeschichte kann uns helfen, diese Frage zu beantworten:
„Zündholz und Kerze“, ist sie überschrieben.
Das Zündholz sprach zur Kerze: „Ich habe den Auftrag, dich anzuzünden.“ „Nur das nicht“, sagte die Kerze ganz verängstigt. „Wenn ich brenne, sind meine Tage gezählt, und niemand wird künftig meine Schönheit bewundern.“ Das Zündholz gab zu bedenken: „Anzünden ist das Einzige, was ich kann. Zünde ich nicht an, verpasse ich meinen Auftrag und gehe an meiner eigentlichen Bestimmung vorüber.“
„Gut, das sehe ich ein“, meinte die Kerze, „aber was hat das mit mir zu tun?“ „Du bist eine Kerze, dazu bestimmt, Licht zu spenden. Willst du denn dein Leben lang kalt und starr bleiben, ohne deine Aufgabe erfüllt zu haben?“ „Aber brennen tut doch weh“, seufzte die Kerze. „Und wenn du mich anzündest, schwinden meine Kräfte dahin.“
„Ja, das stimmt“, gab das Zündholz zu. „Aber ist es nicht das Geheimnis unserer Berufung, Licht zu spenden? Du sollst für andere leuchten. Alles, was du an Schmerz erfährst und an Kraft verlierst, wenn du dich in der Flamme verzehrst, wird in wärmendes Licht verwandelt, an dem sich viele erfreuen werden. Wenn du dich aber versagst, breitet sich Finsternis aus, dort wo du stehst.“
Da besann sich die Kerze eine Weile, dann spitzte sie ihren Docht und sprach voller Erwartung: „Zünde mich an.“

3. Weihnachten ist ein Fest mit Geschenken, Besuchen, gutem Essen, Familie, Weihnachtsstimmung und Romantik. All das ist gut und schön. Aber wir dürfen es dabei nicht bewenden lassen. Weihnachten bringt mehr und will mehr.
Weihnachten will das sein und bewirken, was die Geschichte vom „Zündholz und Kerze“ ausdrückt. Weihnachten will anzünden und entflammen, damit unsere Welt mehr Licht und Wärme erhält.

4. An Weihnachten ist die Menschenfreundlichkeit Gottes in unsere Welt gekommen. Sie will uns zum Brennen bringen, damit wir einander Freundlichkeit erweisen: unseren Kindern und Jugendlichen, unseren Ehepartnern und allen Familienangehörigen, unseren Nachbarn und Freunden. Aber besonders auch denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen: den Kranken und Behinderten, den alten Menschen, denen, die Leid erfahren haben, den Obdachlosen, Fremden und Armen. Weihnachten will uns für sie entflammen, für sie sollen wir brennen.

5. Weihnachten lenkt auch unseren Blick auf die vielen Hungernden und Kranken, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigten in der ganzen Welt: z. B. nach Simbabwe, im südlichen Afrika, wo Cholera und eine Hungersnot die Menschen töten oder zu Flüchtlingen machen. Im Kongo und im Sudan leben Menschen unter elendsten Bedingungen. In Lateinamerika gibt es in vielen Ländern keine Rechtssicherheit und es herrscht Gewalt. Durch unser Adveniat-Weihnachtsopfer können wir ihnen helfen.
Sicher kann man gleich einwenden, aber was kann ich oder was können wir denn da bewirken? Die Finanz- und Wirtschaftskrise hier bei uns haben wir nicht verschuldet und können sie nicht überwinden. Auch die „soziale Kälte“ können wir nicht beheben. Den Armen, Kranken und Sterbenden in Afrika, Lateinamerika und Asien können wir doch nicht grundlegend helfen. Wir sind zu schwach, zu wenige und zu weit weg. Was können wir kleine Lichter schon bewirken?

6. Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
Auf den ersten Blick muss denen, die so argumentieren, jeder Recht geben. Auf den zweiten aber nicht. Wir sollen alle brennende Kerzen sein; wir alle sind große oder kleine Lichter, von Gott dazu gemacht und bestellt. Jeder, der entzündet wird, bringt mehr Licht und mehr Wärme in unsere Welt. Wenn sich viele und immer mehr anzünden lassen und brennen, dann wird sich unsere Welt verändern, wird heller und wärmer.

7. Denken Sie daran, wie alles anfing in Betlehem. Ein kleines Kind, außerhalb der Stadt geboren, wirklich ein ganz kleines Licht und was ist daraus geworden? Die Bewegung der Christen, die über eine Milliarde Menschen heute zählt. Jesu Jüngerinnen und Jünger haben Licht und Wärme in unsere Welt gebracht und tun es auch heute. Wenn alle Christen, ja alle Menschen guten Willens, brennen, dann ist Licht, das Licht Gottes, in unserer Welt.

8.‚Da besann sich die Kerze eine Weile, dann spitzte sie ihren Docht und sprach voller Erwartung: „Zünde mich an!“
Liebe Mitchristen! Lassen Sie sich anzünden. So kommt Weihnachten zu seinem Ziel. So bringt Weihnachten Licht in unsere Welt.

9. So wünsche ich Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest, ein Weihnachten voll Licht und Wärme, das nachhaltig wirkt.

Datum: 24.12.2008
Autor: Erzbischof Ludwig Schick