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Ansprache bei der Vergebungsbitte am 11. März 2007 von Erzbischof Dr. Ludwig Schick

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Es ist Zufall, aber ein glücklicher Zufall und deshalb vielleicht auch
Vorsehung Gottes, dass dieser Vespergottesdienst mit der „Vergebungsbitte“
im Jubiläum „1000 Jahre Bistum Bamberg“ quasi am gleichen Tag
stattfindet, wie das Schuldbekenntnis und die Vergebungsbitte im Heiligen
Jahr 2000. Papst Johannes Paul II. hat am 12. März 2000 im Petersdom
einen Gottesdienst gehalten, in dem er sich zur Schuld in der Geschichte der
Kirche bekannte und um Vergebung bat. Auch als Bistum und Erzbistum
Bamberg können wir nicht unsere 1000-jährige Geschichte feiern, ohne auch
Schuld und Versagen, Nachlässigkeiten und Unterlassungen in den Blick zu
nehmen, sie zu bekennen, um Vergebung zu bitten, umzukehren und neu zu
beginnen.
Wir dürfen auf eine gesegnete und segenspendende 1000-jährige Geschichte
des Bistums Bamberg zurückblicken. Sehr, sehr viel Gutes ist in unserer
Diözese Bamberg und durch die Diözese Bamberg für viele Menschen
geschehen. Wir haben es an anderer Stelle benannt. Die Kirche im Bistum
Bamberg war und ist „Volk Gottes“ und „Braut Christi“. Sie war und ist
Instrument des Heils und Werkzeug der Liebe Christi zu den Menschen aller
Zeiten. Wir wissen und spüren auch in Bamberg die Zusagen des Herrn: „Ich
bin bei Euch alle Tage“, und: „Die Pforten der Hölle werden (meine Kirche)
nicht überwältigen“. Deshalb lieben wir unsere Kirche. Weil wir sie lieben,
stellen wir Schuld und Versagen fest. Diese wollen wir heute eingestehen,
um Verzeihung bitten und den festen Vorsatz fassen, es in Zukunft besser zu machen.

2. 'Aus Herkunft soll Zukunft werden', das ist ein wichtiges Motto für unser Bistumsjubiläum.
Erinnern Sie sich noch? Im Hirtenwort zur Eröffnung des Jubiläumsjahres
habe ich geschrieben: „Das Weinstockgleichnis soll uns durchs
Jubiläumsjahr begleiten ... ‚Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben,
wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht’. Wir wollen uns tiefer in Christus
verwurzeln, damit wir viele Früchte in der Vertiefung und Ausbreitung des
Glaubens, im Gebet und Gottesdienst und im Wirken der Liebe bringen.“
Darum geht es in diesem Jahr: sich für die Zukunft zu bereiten. Wir wollen
heiliges Volk Gottes sein und geeignete Werkzeuge Christi. Unsere Welt
braucht Glaube und Vertrauen auf Gott. Die Menschen benötigen die
Hoffnung und Zuversicht auf eine gute Zukunft und das Ewige Leben. Die
Menschheit lechzt nach der Liebe Gottes, die in Jesus Christus uns
Menschen anstrahlt und die wir weitergeben sollen in Werken der
Nächstenliebe. Für unsere Zukunft ist die Kirche mit ihren Sakramenten der
2 Taufe, der Firmung, der Eucharistie, der Buße und Vergebung, der
Krankensalbung, der Priester-, Diakonen- und Bischofsweihe sowie der Ehe
unabdingbar. Jede Gesellschaft aller Zeiten braucht auch Heilige, die, wie
Jesus Christus und in seiner Nachfolge den Menschen dienen: Frauen und
Männer, wie Heinrich und Kunigunde, Otto, Sebald und Gumbert, wie
Elisabeth und Franziskus, Maximilian Kolbe und Mutter Theresa. Dazu ist
es wichtig, dass wir unsere Herkunft sehen und aus den vielen guten
Personen und Institutionen, Fakten und Ereignissen der 1000-jährigen
Geschichte positive Impulse empfangen und die Kraft schöpfen
weiterzumachen sowie das Gute noch zu verstärken und zu verbessern. Dazu
ist es aber auch notwendig, dass wir in unserer „Herkunft“ das Schuldhafte,
das Versagen und die Nachlässigkeit sehen, um uns davon zu reinigen. Im
Rückblick auf das Heilige Jahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. im
Apostolischen Schreiben „Novo millenio ineunte“ unter der Überschrift
'Reinigung des Gedächtnisses' geschrieben: „Um einen klaren Blick für die
Betrachtung des Geheimnisses zu bekommen, war dieses Jubiläumsjahr
stark von der Bitte um Vergebung gekennzeichnet. Das galt nicht nur für den
Einzelnen ... sondern für die ganze Kirche, die an die Treulosigkeiten
erinnern wollte, mit denen viele ihrer Söhne und Töchter im Laufe der
Geschichte Schatten auf ihr Antlitz als Braut Christi geworfen haben.“ Dann
fährt der Text fort: „Auf diese Gewissensprüfung haben wir uns lange
vorbereitet.“ Das gilt auch für uns. Wir haben uns auf diesen Gottesdienst
lange vorbereitet. Wir wissen, wir dürfen niemanden verurteilen. „Richtet
nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, sagt der Herr. Wir können
Geschichte, Schuld und Versagen nur allgemein und lückenhaft andeuten,
die Geschichte ist komplex und vielschichtig. Auch Katholiken und der
katholischen Kirche ist Unrecht geschehen; andere sind an ihnen schuldig
geworden; auch das sehen wir und vergeben wir. Wir wollen die
„Vergebungsbitte“ für unser Bistum sprechen wie Papst Johannes Paul II. es
im Hinblick auf die ganze Kirche getan hat, der schreibt: „Wie könnte ich
den ergreifenden Gottesdienst vom 12. März 2000 vergessen, bei dem ich in
der Petersbasilika, den Blick fest auf den Gekreuzigten gerichtet, gleichsam
zur Stimme der Kirche geworden bin und die Vergebungsbitte für die
Sünden aller ihrer Söhne und Töchter geleistet habe?“

3. Liebe Schwestern und Brüder!
Wir schauen heute auf den Gekreuzigten, das Kreuz und zugleich auf unsere
Jubiläumskerze. Der Blick auf den Gekreuzigten macht uns deutlich, dass
wir in unserer Geschichte den Heiland, den menschenfreundlichen Gott, den
Freund aller Menschen und allen Lebens, den Leib Christi, der die Kirche
ist, betrübt haben und ihm Leiden zugefügt haben. Er leidet wegen unserer
Sünden und mit jedem Menschen, dem Böses geschieht.
Zugleich blicken wir auf die Jubiläumskerze, die Zeichen der Zuversicht und
der Hoffnung ist, Zeichen auch der Kirche. Sie fordert uns auf, das Licht des
Evangeliums weiterzutragen, weil das Licht Christi heute und morgen, bis
3 zur Wiederkunft des Herrn, in die Welt hineingelangen muss. Denn ohne
dieses Licht ist unsere Welt dunkel. „Ihr seid das Licht der Welt, das auf
einen Leuchter gestellt werden muss, damit es allen im Hause leuchtet.“
Damit wir in Zukunft mehr Licht sein und bringen können, feiern wir diesen
Gottesdienst der „Reinigung des Gedächtnisses“, der Bitte um Vergebung
und der Erneuerung.
Wir haben als Leitgedanken die Seligpreisungen gewählt. In den
Seligpreisungen ist uns ein Dreifaches gesagt.
Sie verkünden uns erstens, was Jesus uns geschenkt hat, zweitens was der
Kirche aufgetragen ist und drittens, dass allein auf dem Weg der Seligkeiten
dem einzelnen Menschen und der Geschichte Heil zuteil wird. Auf diesen
Weg wollen wir uns erneut aufmachen.

4. Wir benennen heute Fakten und nehmen keine Schuldzuweisung vor. Wir
weisen auf Ereignisse hin, die Schuld bedeuten und Schuld waren. Schuld ist
immer ein „Konvolut“ von menschlichem Versagen, von Zeitumständen,
von gesellschaftlichem Druck, von Unbedachtheit. Wir nennen sie und
müssen sie nennen, damit wir für die Zukunft gewappnet sind, damit wir
hellsichtiger für die Fallstricke im eigenen Herzen, der Gesellschaft, der
Geschichte, der Umstände und der Mitmenschen werden. Damit wir in
Zukunft deutlicher, klarer, ungetrübter, fester den Blick auf das Evangelium
richten und uns davon leiten lassen, schauen wir das Versagen der
Vergangenheit und der Gegenwart an. Dazu gehört auch, dass wir uns vor
dem Diabolus, dem Durcheinanderwerfer, dem Satan hüten. Er ist am Werk.
Vor allem müssen wir inständig beten, wie es das „Vater unser“ lehrt:
„Führe uns nicht in Versuchung - lass uns nicht in der Versuchung
untergehen - sondern erlöse uns von dem Bösen.“

5. Liebe Schwestern und Brüder!
Vollziehen wir diesen Gottesdienst mit! Reinigen wir unser Gedächtnis!
Erkennen wir Schuld und Versagen, damit auch diesbezüglich gilt: 'Aus
Herkunft Zukunft'. Wir vertrauen dem Herrn unseres Lebens und unserer
Geschichte. Ihm vertrauen wir uns als Einzelne und als Erzbistum an. Er
möge uns vor Schuld und Versagen bewahren. Er stärke uns für unsere
Aufgabe Kirche Jesu Christi, Kirche „Unterm Sternenmantel“ zu sein. Er
lasse uns und unsere Erzdiözese im zweiten Jahrtausend unserer Geschichte
leuchtende und lichtbringende Sterne und schützender Mantel für die
Menschen sein. Amen.

Datum: 11.03.2007
Autor: Erzbischof Dr. Ludwig Schick