Liebe Schwestern und Brüder! 1. Es ist Zufall, aber ein glücklicher Zufall und deshalb vielleicht auch Vorsehung Gottes, dass dieser Vespergottesdienst mit der „Vergebungsbitte“ im Jubiläum „1000 Jahre Bistum Bamberg“ quasi am gleichen Tag stattfindet, wie das Schuldbekenntnis und die Vergebungsbitte im Heiligen Jahr 2000. Papst Johannes Paul II. hat am 12. März 2000 im Petersdom einen Gottesdienst gehalten, in dem er sich zur Schuld in der Geschichte der Kirche bekannte und um Vergebung bat. Auch als Bistum und Erzbistum Bamberg können wir nicht unsere 1000-jährige Geschichte feiern, ohne auch Schuld und Versagen, Nachlässigkeiten und Unterlassungen in den Blick zu nehmen, sie zu bekennen, um Vergebung zu bitten, umzukehren und neu zu beginnen. Wir dürfen auf eine gesegnete und segenspendende 1000-jährige Geschichte des Bistums Bamberg zurückblicken. Sehr, sehr viel Gutes ist in unserer Diözese Bamberg und durch die Diözese Bamberg für viele Menschen geschehen. Wir haben es an anderer Stelle benannt. Die Kirche im Bistum Bamberg war und ist „Volk Gottes“ und „Braut Christi“. Sie war und ist Instrument des Heils und Werkzeug der Liebe Christi zu den Menschen aller Zeiten. Wir wissen und spüren auch in Bamberg die Zusagen des Herrn: „Ich bin bei Euch alle Tage“, und: „Die Pforten der Hölle werden (meine Kirche) nicht überwältigen“. Deshalb lieben wir unsere Kirche. Weil wir sie lieben, stellen wir Schuld und Versagen fest. Diese wollen wir heute eingestehen, um Verzeihung bitten und den festen Vorsatz fassen, es in Zukunft besser zu machen. 2. 'Aus Herkunft soll Zukunft werden', das ist ein wichtiges Motto für unser Bistumsjubiläum. Erinnern Sie sich noch? Im Hirtenwort zur Eröffnung des Jubiläumsjahres habe ich geschrieben: „Das Weinstockgleichnis soll uns durchs Jubiläumsjahr begleiten ... ‚Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben, wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht’. Wir wollen uns tiefer in Christus verwurzeln, damit wir viele Früchte in der Vertiefung und Ausbreitung des Glaubens, im Gebet und Gottesdienst und im Wirken der Liebe bringen.“ Darum geht es in diesem Jahr: sich für die Zukunft zu bereiten. Wir wollen heiliges Volk Gottes sein und geeignete Werkzeuge Christi. Unsere Welt braucht Glaube und Vertrauen auf Gott. Die Menschen benötigen die Hoffnung und Zuversicht auf eine gute Zukunft und das Ewige Leben. Die Menschheit lechzt nach der Liebe Gottes, die in Jesus Christus uns Menschen anstrahlt und die wir weitergeben sollen in Werken der Nächstenliebe. Für unsere Zukunft ist die Kirche mit ihren Sakramenten der 2 Taufe, der Firmung, der Eucharistie, der Buße und Vergebung, der Krankensalbung, der Priester-, Diakonen- und Bischofsweihe sowie der Ehe unabdingbar. Jede Gesellschaft aller Zeiten braucht auch Heilige, die, wie Jesus Christus und in seiner Nachfolge den Menschen dienen: Frauen und Männer, wie Heinrich und Kunigunde, Otto, Sebald und Gumbert, wie Elisabeth und Franziskus, Maximilian Kolbe und Mutter Theresa. Dazu ist es wichtig, dass wir unsere Herkunft sehen und aus den vielen guten Personen und Institutionen, Fakten und Ereignissen der 1000-jährigen Geschichte positive Impulse empfangen und die Kraft schöpfen weiterzumachen sowie das Gute noch zu verstärken und zu verbessern. Dazu ist es aber auch notwendig, dass wir in unserer „Herkunft“ das Schuldhafte, das Versagen und die Nachlässigkeit sehen, um uns davon zu reinigen. Im Rückblick auf das Heilige Jahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben „Novo millenio ineunte“ unter der Überschrift 'Reinigung des Gedächtnisses' geschrieben: „Um einen klaren Blick für die Betrachtung des Geheimnisses zu bekommen, war dieses Jubiläumsjahr stark von der Bitte um Vergebung gekennzeichnet. Das galt nicht nur für den Einzelnen ... sondern für die ganze Kirche, die an die Treulosigkeiten erinnern wollte, mit denen viele ihrer Söhne und Töchter im Laufe der Geschichte Schatten auf ihr Antlitz als Braut Christi geworfen haben.“ Dann fährt der Text fort: „Auf diese Gewissensprüfung haben wir uns lange vorbereitet.“ Das gilt auch für uns. Wir haben uns auf diesen Gottesdienst lange vorbereitet. Wir wissen, wir dürfen niemanden verurteilen. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, sagt der Herr. Wir können Geschichte, Schuld und Versagen nur allgemein und lückenhaft andeuten, die Geschichte ist komplex und vielschichtig. Auch Katholiken und der katholischen Kirche ist Unrecht geschehen; andere sind an ihnen schuldig geworden; auch das sehen wir und vergeben wir. Wir wollen die „Vergebungsbitte“ für unser Bistum sprechen wie Papst Johannes Paul II. es im Hinblick auf die ganze Kirche getan hat, der schreibt: „Wie könnte ich den ergreifenden Gottesdienst vom 12. März 2000 vergessen, bei dem ich in der Petersbasilika, den Blick fest auf den Gekreuzigten gerichtet, gleichsam zur Stimme der Kirche geworden bin und die Vergebungsbitte für die Sünden aller ihrer Söhne und Töchter geleistet habe?“ 3. Liebe Schwestern und Brüder! Wir schauen heute auf den Gekreuzigten, das Kreuz und zugleich auf unsere Jubiläumskerze. Der Blick auf den Gekreuzigten macht uns deutlich, dass wir in unserer Geschichte den Heiland, den menschenfreundlichen Gott, den Freund aller Menschen und allen Lebens, den Leib Christi, der die Kirche ist, betrübt haben und ihm Leiden zugefügt haben. Er leidet wegen unserer Sünden und mit jedem Menschen, dem Böses geschieht. Zugleich blicken wir auf die Jubiläumskerze, die Zeichen der Zuversicht und der Hoffnung ist, Zeichen auch der Kirche. Sie fordert uns auf, das Licht des Evangeliums weiterzutragen, weil das Licht Christi heute und morgen, bis 3 zur Wiederkunft des Herrn, in die Welt hineingelangen muss. Denn ohne dieses Licht ist unsere Welt dunkel. „Ihr seid das Licht der Welt, das auf einen Leuchter gestellt werden muss, damit es allen im Hause leuchtet.“ Damit wir in Zukunft mehr Licht sein und bringen können, feiern wir diesen Gottesdienst der „Reinigung des Gedächtnisses“, der Bitte um Vergebung und der Erneuerung. Wir haben als Leitgedanken die Seligpreisungen gewählt. In den Seligpreisungen ist uns ein Dreifaches gesagt. Sie verkünden uns erstens, was Jesus uns geschenkt hat, zweitens was der Kirche aufgetragen ist und drittens, dass allein auf dem Weg der Seligkeiten dem einzelnen Menschen und der Geschichte Heil zuteil wird. Auf diesen Weg wollen wir uns erneut aufmachen. 4. Wir benennen heute Fakten und nehmen keine Schuldzuweisung vor. Wir weisen auf Ereignisse hin, die Schuld bedeuten und Schuld waren. Schuld ist immer ein „Konvolut“ von menschlichem Versagen, von Zeitumständen, von gesellschaftlichem Druck, von Unbedachtheit. Wir nennen sie und müssen sie nennen, damit wir für die Zukunft gewappnet sind, damit wir hellsichtiger für die Fallstricke im eigenen Herzen, der Gesellschaft, der Geschichte, der Umstände und der Mitmenschen werden. Damit wir in Zukunft deutlicher, klarer, ungetrübter, fester den Blick auf das Evangelium richten und uns davon leiten lassen, schauen wir das Versagen der Vergangenheit und der Gegenwart an. Dazu gehört auch, dass wir uns vor dem Diabolus, dem Durcheinanderwerfer, dem Satan hüten. Er ist am Werk. Vor allem müssen wir inständig beten, wie es das „Vater unser“ lehrt: „Führe uns nicht in Versuchung - lass uns nicht in der Versuchung untergehen - sondern erlöse uns von dem Bösen.“ 5. Liebe Schwestern und Brüder! Vollziehen wir diesen Gottesdienst mit! Reinigen wir unser Gedächtnis! Erkennen wir Schuld und Versagen, damit auch diesbezüglich gilt: 'Aus Herkunft Zukunft'. Wir vertrauen dem Herrn unseres Lebens und unserer Geschichte. Ihm vertrauen wir uns als Einzelne und als Erzbistum an. Er möge uns vor Schuld und Versagen bewahren. Er stärke uns für unsere Aufgabe Kirche Jesu Christi, Kirche „Unterm Sternenmantel“ zu sein. Er lasse uns und unsere Erzdiözese im zweiten Jahrtausend unserer Geschichte leuchtende und lichtbringende Sterne und schützender Mantel für die Menschen sein. Amen. |